newsletter

kaltes Licht

Dezember 2021

Nichts ist so trostlos wie das kalte Licht des Schnees an einem grauen Tag. Es ist die Abwesenheit jeglichen Blaus. Vom Himmel bis in den Keller nur trauriges Grau. Regen tropft in den Pflotsch. Nichts Romantisches, wenn sich der Matsch mit dem Dreck vermischt.

«Kaltes Licht» ist eine literarische Synästhesie. Dass für mich das Wort «Barbara» blau und die Zahl «5» rosa sind, ist hingegen eine genuine Synästhesie. Wörter, Buchstaben und Zahlen sind vor meinem inneren Auge farbig. Willkürlich farbig, unsinnig farbig. Synästhesie ist eine zusätzliche Wahrnehmung, ein zweiter Sinnesreiz, der einfach da ist. Als ob mein Hirn zu wenig zu tun hat, Überstunden macht oder Purzelbäume schlägt. Musikerinnen wie Lady Gaga oder Billie Eilish sind Synästhesistinnen. Die Komponisten Franz Liszt und Jean Sibelius waren Synästhetiker und der Maler Wassily Kandinsky. Synästhetik beschränkt sich nicht auf Zahlen und Buchstaben, sie ist für jede und jeden anders, auch Töne können farbig sein oder einen Geruch haben. Synästhesie ist nicht sinnlos, jedenfalls dann nicht, wenn die überschüssige Hirnenergie, wie bei vielen Künstlern, in Kreativität umgewandelt wird.

Dann wird es Arbeit. Die literarische Synästhesie ist stimmig, richtig, will verstanden werden, sonst ist sie Kitsch, der Lächerlichkeit ausgesetzt, wie eine falsche Metapher. Die Leserin erinnert sich, stimmt zu, widerspricht. Das Hirn genügt nicht für die literarische Synästhesie. Sie braucht auch Herz, Fantasie und Empathie.

An Tagen, an denen das kalte Licht des Schnees nur graue Trostlosigkeit verbreitet, finden meine Synapsen keine Synergien, meine Sympathien sind beim Murmeltier, und Synästhesien finde ich höchstens in der Literatur. Denn dann verkrieche ich mich ins Bett und lese einen Roman. Auf der Suche nach ein bisschen Blau.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Maschinen sind bessere Menschen

November 2021

Die kleine Drohne soll bei einer Frau und bei einer Familie Einkäufe abliefern. Als sie die fröhliche Familie durchs Fenster sieht, nimmt sie deren Einkäufe und stellt sie der einsamen Frau vor die Tür. Diese bringt die Einkäufe der Familie, welche sie ins Haus bittet. Nun sind alle fröhlich. Dieser TV-Spot erklärt nebenbei, was ethische, künstliche Intelligenz ist. Ohne Ethik hätte die Drohne die Taschen ans richtige Ort geliefert. Was hätte der Mensch getan?

Künstliche Intelligenz befasst sich (laut wikipedia) mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem maschinellen Lernen. Intelligenz ist (laut www.planet-wissen.de) die Fähigkeit sich in neuen Situationen durch Einsicht zurecht zu finden und Aufgaben durch Denken zu lösen.  Man könnte jetzt zum Thema Pandemiebewältigung Fragen stellen.

Werden Maschinen programmiert, intelligent und ethisch zu handeln, werden sie zu künstlichen Gutmenschen. Wie in Ian McEwans Roman «Maschinen wie ich», wo sie sich suizidieren, weil sie das Treiben der Menschen nicht aushalten, oder wo sie den weniger guten Menschen mit ihrer Einmischung einen Strich durch die Rechnung machen.

Der britische Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing gilt als Vater der künstlichen Intelligenz. Er vermutete bereits im Jahr 1950, dass im Jahr 2000 die Maschine ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen entwickelt haben könnte. Der britisch-australische Informatiker Toby Walsh schrieb 2019, dass die künstliche Intelligenz dem Menschen im Jahr 2062 ebenbürtig sein wird. Walsh forscht nun wie künstliche Intelligenz vertrauenswürdig, gerecht, erklärbar, und transparent gestaltet werden kann.

Auch Frauen beschäftigen sich mit künstlicher Intelligenz. Jamie Paik, Professorin an der EPFL in Lausanne, forscht am Origami-Roboter, welcher flach wie ein Blatt Papier ist und sich falten lässt. Sie und ihre Forscher setzen ausserdem, bei den Ameisen abgeschaut, auf die Schwarmintelligenz von einfachen Robotern. Paik will ihren Maschinen eine gewisse Autonomie zugestehen, aber immer müsse der Mensch über ihr Tun entscheiden (www.ethrat.ch/de/node/5108).

Wird künstliche Intelligenz überschätzt? Oder überschätzt sich der Mensch? Und – ist künstliche Intelligenz genderneutral?

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Sattsehen

Oktober 2021

Ich weiss jetzt, wo das Blau erfunden wurde. Auf dieser kleinen Insel im Meer, wo die Felsen zerklüftet und löchrig geworden, sich gegen den Sog dieses unendlichen Blaus stemmen. Nirgend wo sonst, gibt es so viele Blau. Schon bei meinem ersten Besuch auf dieser Insel fiel mir die Farbe des Meeres auf. Wir lagen im Hafen, warteten auf ein Zeitfenster zum Auslaufen. Dann, am Morgen des Aufbruchs undurchdringliche See, vom schwärzesten Blau, das ich je gesehen habe, als segelten wir über flüssiges Metall. Heute tiefes Blau, in dem sich das Auge festsaugt, sich die Betrachterin verliert. Unendlich dehnt es sich unter der weissen Kuppel des Leuchtturms. Später am Strand kräuseln sich über ockerfarbenem Sand lichte Wellen, spielen mit einem Hauch Türkis, verdichten sich ins Petrol, rollen ins Himmelblau und verlieren sich am Horizont im dunkelsten Blau. Zwiesprache mit dem Himmel, Spiegelungen von der Erde. Dann in der kleinen Felsenbucht Farbenspiel in Grün. Die Wellen plätschern um Kiesel, Steine und Felsen, goldengrün bis sattoliv malen sie ein sanft sich wiegendes Bild auf die Oberfläche. Bis der Nordwind sein Spiel treibt, Gischt übers Wasser jagt und trübe Wellen sich am Ufer grau ergeben. Sattsehen ohne je satt zu werden.

Ich habe blau gemacht unter dem blauen Himmel am blauen Meer auf eben dieser Insel. Deshalb der Newsletter verspätet. Übrigens, blaumachen kommt aus der Zeit, als die Färber am Montag die in Indigo eingelegte Wolle an der Sonne trocknen und blau werden lassen mussten. Derweil konnten sie faulenzen oder eben, blaumachen.

Viele blaue Stunden Euch.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Zeitreise

September 2021

An dein Gesicht erinnere ich mich. An deinen Namen nicht. Du musst mir helfen. Klar, genau. Wo wohnst Du? Hast Du Familie? Was arbeitest Du? Das ist schön, bzw. das tut mir leid. Geschieden? Ich auch. Deine Mutter ist gestorben? Meine auch. Ich nippe am Glas, blicke mich um. Gut angezogen sind sie, fast herausgeputzt. Schlank geblieben auch. Die Haare grau statt braun. Prüfende Seitenblicke hier und da. Vorsichtiges Herantasten. Ein paar Grüppchen, dieselben wie damals, stecken die Köpfe zusammen. Die Schöne ist immer noch schön. Die Arrogante nimmt mich immer noch nicht wahr. Die Vornehme ist immer noch sehr vornehm. Die eine, die ich gern gesehen hätte, ist nicht da. Die andere kommt spät. Erinnert sich nicht mehr an unseren Ausflug damals. Dafür an etwas Anderes. Ich bin aus der Zeit gefallen. Wir alle. Es fehlen Jahre. Der Versuch nahtlos anzuknüpfen, geht nur, wo ein Knoten bestanden hatte. Ich war nicht sehr verknotet, nicht sehr angesehen. Eher graue Maus. Noten knapp genügend. Die Wahrnehmung hat sich festgesetzt damals. Wie viele Katzen die Maus seither genarrt hat, interessiert nicht.

Dann grüsst mich eine grosse Frau freundlich. Ich spüre ihr warmes Lächeln unter der Maske. Ich grüsse zurück. Mit ahnungslosem Lächeln. Später sitzt sie neben mir. Es ist die Gescheite, die Stille. Gescheit ist sie immer noch. Doch heute öffnet sie sich, erzählt von ihrem Leben, ihren Kindern, davon, was sie zweifeln lässt und was ihr Herz berührt. Sie ist geerdet, hat Verantwortung in Beruf und Familie.

Vielleicht ist sie die Einzige, der ich an dieser Klassenzusammenkunft im Heute begegnet bin.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Recht auf Reisen

August 2021

Beim Durchblättern einer juristischen Zeitschrift bleiben die Worte «Recht auf Reisen» hängen. Eine Buchbesprechung, die ich vorerst nicht weiter beachte. Ausgedörrt von der pandemiebedingten Meerabstinenz, lechzend nach Wellenrauschen, Wind im Haar und Salz auf der Haut, fragt sich mein Juristinnenverstand, ob das Recht auf Reisen Menschenrecht ist. Antwort: Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gibt jedem Menschen das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen sowie jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren. Dabei gibt es legitime Einschränkungen: Die Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit darf nur eingeschränkt werden, wenn die allgemeinen Bedingungen für Eingriffe in Grund- und Menschenrechte erfüllt sind. Dafür muss eine gesetzliche Grundlage vorhanden und die Einschränkung notwendig und verhältnismässig sein, um die öffentliche Ordnung, Sicherheit oder Sittlichkeit sicherzustellen, oder die Grund- und Menschenrechte anderer zu wahren. Beispiele für legitime Einschränkungen sind: Zwangsevakuierung aus einem Katastrophengebiet, Errichtung von militärischen Sperrzonen oder die Errichtung von Sperrzonen aufgrund von Epidemien.

Nein, ich schreibe weder über Zertifikat noch Impfpflicht. Im Buch «Recht auf Reisen» («Wie das Recht auf Reisen geht» von Jens Drolshammer und Rolf H. Weber, Stämpfli Verlag AG) geht es nämlich nicht um ungestillte Sehnsüchte nach fernen Ufern. Es reist das Recht selbst durch Zeit und Raum. Recht ist Kultur. Zum Kulturaustausch gehört Rechtsaustausch. Und die Erkenntnis, dass Recht und Gerechtigkeit nicht dasselbe sein müssen. Bei uns und anderswo. Wenn in der Schweiz 51 von 100 etwas wollen, müssen sich 49 fügen, auch wenn sie es nicht gerecht finden. So sind die Regeln. Gibt es gerechtere?

Und jetzt nehme ich mir das Recht zu Reisen. Ist für Juristinnen Pflicht, weil Weiterbildung.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Die Flohschachtel

Juli 2021

Andere Zeiten andere Bräuche. Oder des Sonnenkönigs Schattenseiten. Davon erfahren habe ich im Italienischunterricht. Meine Lehrerin hat einen Wunsch: Durch Versailles Gärten und Säle flanieren, gekleidet wie einst Marie-Antoinette. In Schichten feinster wallender Stoffe. Aber damit hat es sich auch schon. Die Schattenseiten will niemand wiederaufleben lassen. Ist das reinste Gruselkabinett. Puder und Parfum statt Seife und Wasser, Stöckelschuhe damit man nicht in die Scheisse tritt.

Die Geschichte von der «scatola delle pulci», der Flohschachtel, gefällt mir. Kann man ausschmücken, Fantasie reinstecken, quasi modernisieren. Die Geschichte von der Flohschachtel, so etwas wie der Mausefalle von Versailles, geht so: Wenn der König umgeben von seinem Gefolge Hof hielt, war das auch ein Vergnügen für die Flöhe. Sie tanzten von Rockfalte zu Rockfalte, flogen von Perücke zu Perücke, und manch ein behandschuhter Finger oder eine beringte Hand versuchte das Ungeziefer aus einer Puderfalte zu klauben. Gelang das, wurde der Floh in ein Kästchen gesperrt, welches eigens für diesen Zweck in der Rocktasche mitgeführt wurde. Was danach mit den Biestern geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch, weshalb sie nicht einfach zerquetscht wurden.

Allein die Idee, eine Schatulle, ein Böxchen oder Schächtelchen mitzuführen, in welches ich alles Unliebsame, das mir tagsüber begegnet, einsperren kann, gefällt mir. Ein hübsches Blechdöschen mit emailliertem Deckel, gut isoliert und immer griffbereit im Hosensack, in der Handtasche oder auch nur imaginär in meinem Kopf. Bei Sturmwarnung halte ich es dann in den Wind, damit er all das Unliebsame davonträgt.

Und habt Ihr nun einen Floh im Ohr, geht und kauft die Schachtel dazu.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Black-out

Juni 2021

Ich kann das. Passwörter behalten. Zahlen, Buchstaben, Kombinationen. Verschiedene, versteht sich. Für jede Karte, für jeden Account und jedes Konto ein anderes. Ohne aufzuschreiben. Wird etwas geklaut oder gehackt, ist das Schadensbegrenzung. Datensicherheit nennt man das. Seit Jahren rufe ich eine Seite auf, gebe das Passwort ein und Sesam öffnet sich. Kürzlich wollte ich rasch eine Zahlung machen. Bank.ch, login und nichts passiert. Statt Automatismus Synapsengau in meinem Hirn. Rien ne vas plus. Black-out. Nach dem zweiten ungültigen Versuch höre ich auf. Beim dritten wird gesperrt, dann fängt die Verwaltungsmaschinerie an. Stattdessen wühle ich mich durch Schubladen und Papierstapel. Unwahrscheinlichen zwar, aber vielleicht habe ich dennoch irgendwann, irgendwo ein Passwort aufgeschrieben. Nach minutenlangem Blättern, fällt der Groschen, schliesst die Synapse: «blablabla tamtata», natürlich, das ist die Kombination für die Bank. Fünf Minuten später ist die Zahlung getätigt.

Ein paar Tage später, nach monatelangem Homeoffice, sitze ich an meinem Arbeitsplatz. Kurzer Selbsttest: E-Mailzugriff über Internet. E-Mail-Adresse eingeben, dann Kennwort und nichts passiert. Statt Automatismus Synapsengau in meinem Hirn. Rien ne vas plus. Black-out. Über Passwort vergessen, verlange ich ein neues. Zu Hause im Outlook erhalte ich den Zugriff und gebe ein neues Passwort ein. Nun funktioniert das Outlook nicht mehr. Bis ich in den Kontoeinstellungen des Outlook das Passwort ebenfalls ändere.

Was, wenn das wieder passiert? Angenommen ich verliere die Kreditkarte und vertippe ich mich im Dusel dreimal beim Code der Maestrokarte. Ich vergesse den Handycode um die Bank zu kontaktieren, und die Internetseite der Bank lässt sich wegen einer Computerpanne nicht öffnen. Es ist Freitagabend, ich habe noch nicht eingekauft und ein Nachcorona-Wochenende mit 1000 Möglichkeiten liegt vor mir. Und ich ohne Geld.

Ich kann das vielleicht doch nicht. Passwörter behalten. Ich schreibe sie nun auf. Ich verstecke sie an einem sicheren Ort. Ein Versteck behalten ist leichter als alle Passwörter.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

crescendo

Mai 2021

Mit Musik kann ich nicht so gut. Beim Vorsingen in der Schule gabs erst Tränen, und dann eine 4. Meine Gspänli mögen sich erinnern, ich lieber nicht. Es hat mich geprägt. Heute denke ich manchmal, vielleicht lerne ich doch noch einmal singen. Ganz allein bei einer Operndiva im Ruhestand. Denn die Zeiten mit der Pfadi am Lagerfeuer lassen mich melancholisch werden. «Wir lagen vor Madagaskar…» oder «an den Ufern des Mexico Rivers» und hatten «Wind in den Haaren» während die Affen Kokosnüsse klauten. Im dämmrigen Licht des knisternden Feuers sah niemand so genau, ob ich mitsang. «Musik ist Balsam fürs Gehirn», sagt der deutsche Neuropsychologe Lutz Jäncke. Habe ich neulich im Radio gehört, als ich aus der Dusche stieg. Unter der Dusche habe ich nicht gesungen, bin gar nicht auf die Idee gekommen. Vielleicht wenn ich einmal singen kann… Manchmal aber verlangt auch mein Gehirn – oder eher meine Seele nach Musik. So richtig schöner, die Gänsehaut macht, und Flügel wachsen lässt. Solche wie Solveigs Lied aus Edvard Griegs «Peer Gynt» oder das «Addio del passato» aus Giuseppe Verdis «La Traviata». Verdi steht da ganz oben auf der Liste. Aber auch die Lieder von Lluis Sintes, Bariton aus Mahon. Seine CD habe ich aufs Geratewohl wegen des schönen Umschlags auf Menorca gekauft. Heute ist sie Sehnsuchtsmusik. Musik berührt, begleitet, verstärkt. Jeder Film wird erst mit dem richtigen Ton zum unvergesslichen Erlebnis. Wenn sich die grossen Jachten der Vendée Globe auf youtube durch den sturmgepeitschten Ozean pflügen, drehe ich die Lautstärke an den Anschlag. «Two Steps From Hell» brettern mit über die Wellen. Der Titel «for the win» ist Programm. Und wenn dich dein Liebster/deine Liebste mit solchen Klängen zum Orgasmus trägt, heisst es mit Fredy Mercury – auch so ein Gänsehautproduzent – «made in haeven». Ich glaube ich sollte öfters Musik hören, ganz gleich, ob sie dem Gehirn oder der Seele guttut.

PS: auf www.passiontextundfoto.ch/foto hat es neue Bilder. Schaut sie euch an und lasst dazu eure Lieblingsmusik im Kopfkino erklingen.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Vakuum

April 2021

Letze Woche ist es mir tatsächlich passiert. Ich wollte jemandem die Hand geben. Ein Kollege stellt mir seinen Freund vor. Spontan strecke ich die Rechte aus, um sie gleich darauf schuldbewusst zurückzuziehen und zu stammeln: «soll auch so gelten». Man hat sich daran gewöhnt, ans Nichtberühren, steht stattdessen unbeholfen da oder schubst sich mit dem Ellbogen. «Fühle dich umarmt», sag ich manchmal. Ich bin ja froh nicht mehr creti und pleti mit Luftküsschen umhüllen zu müssen und wildfremden Menschen die Hand zu geben. Ich bin da eher menschenscheu und seit dem homebeing und couchentertainment – gibt es dafür nicht auch deutsche Wörter? Klar doch – also, seit dem Daheimsein und der Sofaunterhaltung noch mehr. Neulich habe ich trotzdem eine alte Freundin besucht. Alt, im Sinn von wir kennen uns seit Jugendtagen. Seit damals, als wir unbeschwert kifften und gigelten und Hand in Hand durch die Gassen flanierten. Seitdem sind wir einander im Herzen verbunden, auch wenn wir einander nicht mehr allzu oft sehen. Als wir uns voneinander verabschieden, steht sie mit hängenden Armen neben mir, während ich das Auto aufschliesse. Dann sagt sie in die Dunkelheit des Frühfrühlingsabends: «Wenn die Zeit gekommen ist, und wir uns wieder umarmen dürfen, wird das eine lange Umarmung. Wir haben viel nachzuholen.» Ich steige ins Auto, berührt und etwas wehmütig, und hänge auf dem Heimweg meinen Gedanken nach. Wie lange habe ich meine liebsten Freundinnen nicht umarmt? Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich sie ganz fest drücken.

Übrigens, Apéros draussen sind erlaubt, Einladungen dazu sind auf www.passiontextundfoto.ch/angebot zu haben.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

eine Mütze in Biel

März 2021

Etwas mehr als ein Jahr ist es her. Wir nahmen ihn mit dem Auto mit nach Biel, wo er auf den Zug nach Hause umstieg. Im Oberland hatten wir das Fest einer gemeinsamen Freundin besucht. Die Mitfahrgelegenheit ergab sich zufällig. Wir kannten uns nicht. Es war Winter und als ich aus dem Auto stieg, fiel mein Blick auf eine schwarze Wollmütze auf dem Rücksitz. Sein Zug war längst abgefahren, die Mütze liegengelassen, zurückgelassen. Ich musste bei der Freundin nach seiner Nummer fragen und wollte ihm die Mütze nachsenden. Er wollte nicht. Er werde sie abholen. Monate später fällt mir die Mütze wieder in die Hände. Sie liegt unter einem Stapel Kleider in der Garderobe. Wohin damit? Kurze SMS: «Soll ich sie doch schicken?» Kurze Antwort: «Ich werde sie holen». Kurz darauf kommt die Freundin bei uns vorbei, erwähnt nebenbei, dass sie ihn bald sehen werde. Ob er seine Mütze wieder habe, oder ob sie sie ihm bringen soll. «Frag ihn», sag ich, glaubte aber nicht, dass sie sie ihm bringen soll. Und sie soll nicht.

Die Mütze liegt noch heute unter einem Stapel Kleider in der Garderobe. Ich werde nicht mehr fragen. Sie ist zum Symbol geworden. Ich kenne die Motivation seines Trägers nicht. Hat er in Biel eine Rechnung offen, einen Wunsch frei, will er Geduld lernen, einen Gedanken reifen, ein Projekt wachsen lassen? Hat er einfach Vertrauen in die Zukunft, dass Biel für ihn etwas bereithält? Will er das süsse Gefühl der Vorfreude auskosten, den Moment hinauszögern? Was, wenn die Mütze wieder auf dem Kopf und der Tag in Biel ein ganz normaler war? Vielleicht aber wird der Besuch in Biel, der Blick über den See, das Glas Wein im Rebberg oder der Gang durch die Altstadt zum Anfang von etwas Neuem, einer Idee, einem Lebensgefühl, einer Begegnung.

Wie sangen einst die Dietrich und später die Knef: «Ich hab noch einen Koffer in Berlin … Der bleibt auch dort und das hat seinen Sinn.» Und das wird mit der Mütze auch so sein.

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren        

Vollbrand

Februar 2021

«Jeder Mensch sollte etwas haben, wofür er brennt», sagt mir neulich eine Freundin. In der Tretmühle des Alltags hat, die an sich pyromanisch veranlagte, die Zündhölzer verloren. Von Dunkelheit und Kälte umgeben, wächst der Traum vom Feuer. Brennen ist Freude, Begeisterung, Lust. Brennen bewegt die Seele, berührt das Herz, kanalisiert die Sinne. Wer brennt, sehnt, leidet, geniesst. Wer brennt, lebt.

Zur gleichen Zeit sitze ich mit Tunnelblick am Bildschirm, begierig auf das nächste Update. Seit über 90 Tagen bin ich unterwegs, im Atlantik, im Südpolarmeer, im Pazifik. Ich studiere Wetterkarten, Gezeiten, Meeresströme, ich höre die See donnern, den Wind pfeifen, die Herzen klopfen. Die Vendée Globe ist im Gang. Alle vier Jahre starten in Las Sables-d’Olonne, in der Bretagne, ein paar wenige Dutzend Seglerinnen und Segler Einhand um die Welt. Nicht um das Meer, viel mehr, um sich selbst zu bezwingen. Um zwischen Sport und Abenteuer in den unberechenbaren Ozeanen Grenzen zu überwinden und sich selbst zu entdecken. Erlebnisse, die man nicht teilen, nur mitteilen kann. Mitteilungen als Brandbeschleuniger, wenn sie auf verwandtes Feuer treffen. Und plötzlich sehe ich die Wellenkämme schäumen, der Wind macht mich bang, das Schiff stampft. Erinnern, wie Glück sich anfühlt. Nicht, dass ich Einhand um die Welt segeln möchte oder könnte. Was den Teilnehmenden die Vendée Globe, ist mir die Passage von Saint-Malo nach Alderney oder von Sardinien nach Korfu, und auch das nicht allein, sondern mindestens zu viert. Und doch werden die Tränen des Seglers, der nach 90 Tagen wieder Land sieht, zu meinen. Emotionen mitten ins Herz, Vollbrand eben.

Brennen hilft auch in diesen Monaten von vermehrter Heimzeit und Alleinsein. Wer brennt, hat eine Zukunft. Wenn der letzte Segler im Ziel sein wird, und ich darauf warte, dass mein Schiff ablegt, schüre ich meine anderen Feuer, brenne ich für das perfekte Bild, den richtigen Text. Und ich hoffe, dass meine Freundin die Zündhölzer wiedergefunden hat.

Übrigens stehen spezielle Zündholzbriefchen im Angebot meiner Website.

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren        

Kleine Intimitäten

Januar 2021

Wie halten sich Frauen wie ich, die weder Kälte, Schnee noch Skis etwas abgewinnen können, bei Laune? Sie sitzen vor dem Kaminfeuer, Katze auf dem Schoss, ein Glas Rotwein in der Hand und suchen den Sinn des Lebens, sie lümmeln sich auf dem Sofa und schauen zum gefühlt tausendsten Mal «dirty dancing» oder sie liegen unter der Decke und arbeiten die zwei Meter Bücher neben dem Bett ab. Spätestens wenn die Fingernägel, beim Versuch den Reissverschluss der Jeans zu zuziehen, brechen, reichts. Raus aus dem Haus, ausnutzen, was in Zeiten von Corona machbar ist. Fussmarsch in die Stadt, Spaziergang am See, Abstecher in Büro. Die Welt ausserhalb meiner Wohnung existiert noch. Im Büro ist es ruhig, düster und leer. Fast jedenfalls. Am Drucker steht ein unbekanntes Wesen mit Maske. Wir kommen ins Gespräch. Aha, die Neue aus der Nachbarabteilung. Nette Stimme, wie sie wohl aussieht? Dann, ein schneller Blick nach links und rechts, niemand sonst in Sicht, sie nimmt die Maske ab. Ich auch. Wir lächeln uns an, setzen die Masken wieder auf. Sind das unsere neuen Intimitäten? Einst fragte man sich, wie das Sixpack der heimlichen Liebe oder der Busen der neusten Eroberung aussieht. Heute wärmt das Herz ein nacktes Lächeln.

Beschwingt nach diesem kleinen Abenteuer fröne ich wieder dem Bücherlesen. Buchstabe um Buchstaben, Seite um Seite verschwindet hinter meinen Lidern bis sie mir zufallen. Was bleibt, was bewegt, was zerrinnt? Wie geht es den anderen draussen in der Welt hinter ihren Masken? Lesen sie dieselben Bücher, haben sie die gleichen Gedanken? Kann ein Mann über die Liebe einer Frau schreiben? Finden wir es heraus. Anfang Mai, wenn die Gärten wieder blühen und die Sonne wärmt, treffen wir uns. Wir diskutieren, streiten, lachen über Bücher, die wir alle gelesen haben. Wer dabei ist, schickt mir bis Ende Februar einen Buchtitel. Wir wählen dann gemeinsam die zwei Bücher aus, über die wir reden wollen. Ich freue mich.

 

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren        

archiv