newsletter

Erwachen

April 2022

Tage, an denen der Wecker nicht schellt, sind bessere Tage. Jedenfalls beginnen sie besser. Nicht nur, weil es freie Tage, Feiertage, Ferien oder Wochenenden sind. Sie lassen ein bisschen Freiheit und Selbstbestimmung. Kein Programm, kein Protokoll geben das Tempo vor. Ich tauche langsam aus Traumtiefen oder traumlosem Tiefschlaf. Ein Sonnenstrahl, Regentropfen auf dem Dachfenster, ein Vogelruf, das Miau meiner hungrigen Katze – langsam dringt das Leben in mein Bewusstsein. Doch ich bin noch nicht bereit. Wohlig sinke ich nochmal in mich, in die Wärme der weichen Daunen. Fühle mich aufgehoben, beschützt, hänge der Illusion nach, mich der Welt nicht stellen zu müssen.

Die Kälte, der Berg Arbeit, das aufgeschobene Gespräch, gehen mich alle nichts an. Und die schönen Dinge kommen früh genug, die neuen Schuhe, das Nachtessen mit der Freundin, der Ausflug mit dem Boot, lassen mich in Vorfreude suhlen und Tagträumen.

Doch es gibt auch die Morgen, an denen das Bewusstsein wie ein Blitz einschlägt. Nicht umsonst heisst es böses Erwachen. Eine Krankheit, ein Verlust, ein Abschied ohne Wiederkehr – die Realität holt mich ein, noch ehe ich richtig wach bin. Der Aufschub durch kurzen Schlaf vorbei, das heilende Vergessen weggeblasen, das beklemmende Gefühl des Vorabends allgegenwärtig. Bleischwer die Glieder, nass die Augen. Trotzdem – aufstehen, mechanisch zuerst, wie ein Automat, Hauptsache vorwärts. Aber in der Gewissheit, dass andere Tage kommen werden, mit dem unerschütterlichen Vertrauen in die Zukunft ohne das, es keine Zukunft gäbe.

Frühlings Erwachen auch das heisst es nicht umsonst. Zart spriessendes Grün, schüchtern wärmende Sonnenstrahlen, Vogelstimmen und Grillenzirpen. Ein Windhauch flüstert durchs offene Fenster, Zeit zum Aufstehen. Welch ein schöner Weckruf.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

wahrer Luxus

März 2022

Champagner? Man gönnt sich ja sonst nichts. Kaviar? Mag ich nicht. Karibik oder Kapverden? Qual der Wahl, irgendwo muss man die Ferien ja verbringen. Grösser, teurer, angesagter – ist definitiv nicht mein Verständnis von Luxus. Luxus ist nicht die Rolex am Arm, sondern ein überwältigendes Gefühl tief in der Brust. Ich habe es erlebt:

Ich schlage die Augen auf, ich hänge am Tropf, liege unter einer weissen Decke in einem sterilen Zimmer. Ich bekomme kaum Luft, meine Nase ist einbandagiert. Ich warte, schlafe, döse, warte. Die Zeit vergeht oder vergeht nicht. Ich weiss es nicht. Draussen ist es hell, dann ist es dunkel, dann wieder hell. Irgendeinmal öffnet sich die Tür. Es geht mir besser. Jemand steht am Bett, ersetzt den Tropf, misst Fieber, spricht von Frühstück. Später stehen eine Tasse Milchkaffee und ein Weggli vor mir. So ein kleines rundes, mit dem Spalt in der Mitte, wie bei zwei gebräunten Arschbäckchen. Aber das Weggli duftet, ist frisch und luftig. Ich esse ein Stückchen und noch eins. Ich atme mühsam zwischen den Bissen, aber Ich lebe wieder.

Noch heute, Jahre später, ist für mich dieses kleine bisschen Brot der Inbegriff von Luxus. Wenn ich mir etwas Gutes tun will, kaufe ich mir ein Weggli. Um mich an dieses überwältigende Gefühl tief in der Brust zu erinnern.

Übrigens war es keine Schönheitsoperation, auch wenn es um die Nase ging. Und Luxus ist nichts anderes als etwas nicht Alltägliches. Und je schwieriger die Umstände, desto wertvoller ist ein kleines Stückchen Luxus.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

ein Kleid für eine ältere Dame

Februar 2022

Kürzlich in La-Chaux-de-Fonds sehe ich ein Kleid in der Auslage. So eines, dem man nicht widerstehen kann, so ein Mussichhabending. Gleich darauf stehe ich im Laden und suche das Kleid. Eine ältere Dame fragt, ob sie mir helfen kann. Klar, ich will dieses Kleid. Sie nimmt es aus dem Ständer, ich probiere es an, sie packt es ein. Während das Seidenpapier raschelt, sagt sie zu mir: «Dieses Kleid kann man gut auch dann tragen, wenn man schon älter ist.» Aha, denke ich, hätte sie auch gern so eines. Dann erst begreife ich, sie meint mich. Wie bitte? Habe ich mir schon einmal Gedanken darüber gemacht, ob ich für ein Kleid zu alt bin? Müsste ich? Jedenfalls seit diesem Tag denke ich bei jedem Kauf daran. Nicht um nun züchtiger und altersadäquater einzukaufen. Vielmehr mit einem Schmunzeln, je jugendlicher das neue Teil, desto breiter das Grinsen. Denn um etwas nicht anzuziehen, das mir gefällt, dafür bin ich definitiv zu alt.

Aber im Ernst, die älteren Leute sind ja immer die anderen. Deshalb passiert es den anderen ja auch, dass sie mich für älter halten. In der Parfümerie habe ich bereits mit gegen 30 Müsterchen für Faltencremes erhalten. Man muss ja schliesslich vorbeugen, dachte ich. Und wenn mir damals ein junger Mann den Sitzplatz im ÖV überliess, dachte ich, vielleicht findet er mich hübsch. Heute sind schon die jüngeren Leute müde, jedenfalls lassen sie die älteren stehen. Ob sie für die Hübscheren noch Platz machen?

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

ein leeres Blatt Papier

Januar 2022

Vielversprechend, alles möglich, Platz bis zum Horizont, Zeit ohne Ende. Ein leeres Blatt Papier, ein Tag ohne Agenda, der Vorabend der Ferien, der Glockenschlag ins neue Jahr. Hoffen, träumen, freuen, atmen. Der Beginn von etwas Neuem bewegt. Ob ein neues Buch oder nur ein neues Kapitel, Hauptsache Aufbruch. Mein Lebensbuch ist zu dick, um es wegzulegen. Aber die Seite umdrehen, ein neues Kapitel beginnen, alles anders machen, alles besser machen, alles weitermachen, alles stehen lassen? Grosse Kreuzung und kein Wegweiser, kleiner Abstecher oder nur eine Abkürzung?

Wenn um Mitternacht die Glocken schlagen, ich auf dem Balkon stehe, die kalte Nachtluft im Gesicht und der leise Wind das alte Jahr mitnimmt, fühle ich mich leicht, beschwingt und beschwipst. Nicht nur vom Champagner, auch von der puren Wonne des Neuanfangs. Der Schnee ist frisch, der Sand ohne Spuren. Das Gefühl des alles-ist-noch-möglich auskosten, die Leichtigkeit geniessen, das Glas leeren und traumlos ins den ersten Morgen hineinschlafen.

Wenn dann aber die letzten Töne des Radetzkymarschs verklungen sind, ist die Schonfrist vorbei. Das Neujahrskonzert der Wiener PhilharmonikerInnen ist Pflicht, verpasst habe ich es nur zweimal. Zwei wunderschöne Male, als ich auf den Seychellen in den Sommer hinein segelte, und als ich in der Karibik das Kreuz des Südens entdeckte. Da brauchte ich keine blaue Donau und keinen Radetzkymarsch, der mich ins neue Jahr hineinschubste. Hierzulande aber steht mit dem Neujahrskonzert fest, das neue Jahr ist da. Jetzt heisst es loslegen, vorwärts gehen, lächeln. Bitte ohne Vorsätze, die machen nur Stress. Und der alles–wie-immer-Trott kommt schnell genug. Aber vorerst glaube ich an ein bisschen grüner, sonniger, luftiger, gemütlicher.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

kaltes Licht

Dezember 2021

Nichts ist so trostlos wie das kalte Licht des Schnees an einem grauen Tag. Es ist die Abwesenheit jeglichen Blaus. Vom Himmel bis in den Keller nur trauriges Grau. Regen tropft in den Pflotsch. Nichts Romantisches, wenn sich der Matsch mit dem Dreck vermischt.

«Kaltes Licht» ist eine literarische Synästhesie. Dass für mich das Wort «Barbara» blau und die Zahl «5» rosa sind, ist hingegen eine genuine Synästhesie. Wörter, Buchstaben und Zahlen sind vor meinem inneren Auge farbig. Willkürlich farbig, unsinnig farbig. Synästhesie ist eine zusätzliche Wahrnehmung, ein zweiter Sinnesreiz, der einfach da ist. Als ob mein Hirn zu wenig zu tun hat, Überstunden macht oder Purzelbäume schlägt. Musikerinnen wie Lady Gaga oder Billie Eilish sind Synästhesistinnen. Die Komponisten Franz Liszt und Jean Sibelius waren Synästhetiker und der Maler Wassily Kandinsky. Synästhetik beschränkt sich nicht auf Zahlen und Buchstaben, sie ist für jede und jeden anders, auch Töne können farbig sein oder einen Geruch haben. Synästhesie ist nicht sinnlos, jedenfalls dann nicht, wenn die überschüssige Hirnenergie, wie bei vielen Künstlern, in Kreativität umgewandelt wird.

Dann wird es Arbeit. Die literarische Synästhesie ist stimmig, richtig, will verstanden werden, sonst ist sie Kitsch, der Lächerlichkeit ausgesetzt, wie eine falsche Metapher. Die Leserin erinnert sich, stimmt zu, widerspricht. Das Hirn genügt nicht für die literarische Synästhesie. Sie braucht auch Herz, Fantasie und Empathie.

An Tagen, an denen das kalte Licht des Schnees nur graue Trostlosigkeit verbreitet, finden meine Synapsen keine Synergien, meine Sympathien sind beim Murmeltier, und Synästhesien finde ich höchstens in der Literatur. Denn dann verkrieche ich mich ins Bett und lese einen Roman. Auf der Suche nach ein bisschen Blau.

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Maschinen sind bessere Menschen

November 2021

Die kleine Drohne soll bei einer Frau und bei einer Familie Einkäufe abliefern. Als sie die fröhliche Familie durchs Fenster sieht, nimmt sie deren Einkäufe und stellt sie der einsamen Frau vor die Tür. Diese bringt die Einkäufe der Familie, welche sie ins Haus bittet. Nun sind alle fröhlich. Dieser TV-Spot erklärt nebenbei, was ethische, künstliche Intelligenz ist. Ohne Ethik hätte die Drohne die Taschen ans richtige Ort geliefert. Was hätte der Mensch getan?

Künstliche Intelligenz befasst sich (laut wikipedia) mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens und dem maschinellen Lernen. Intelligenz ist (laut www.planet-wissen.de) die Fähigkeit sich in neuen Situationen durch Einsicht zurecht zu finden und Aufgaben durch Denken zu lösen.  Man könnte jetzt zum Thema Pandemiebewältigung Fragen stellen.

Werden Maschinen programmiert, intelligent und ethisch zu handeln, werden sie zu künstlichen Gutmenschen. Wie in Ian McEwans Roman «Maschinen wie ich», wo sie sich suizidieren, weil sie das Treiben der Menschen nicht aushalten, oder wo sie den weniger guten Menschen mit ihrer Einmischung einen Strich durch die Rechnung machen.

Der britische Logiker, Mathematiker, Kryptoanalytiker und Informatiker Alan Turing gilt als Vater der künstlichen Intelligenz. Er vermutete bereits im Jahr 1950, dass im Jahr 2000 die Maschine ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen entwickelt haben könnte. Der britisch-australische Informatiker Toby Walsh schrieb 2019, dass die künstliche Intelligenz dem Menschen im Jahr 2062 ebenbürtig sein wird. Walsh forscht nun wie künstliche Intelligenz vertrauenswürdig, gerecht, erklärbar, und transparent gestaltet werden kann.

Auch Frauen beschäftigen sich mit künstlicher Intelligenz. Jamie Paik, Professorin an der EPFL in Lausanne, forscht am Origami-Roboter, welcher flach wie ein Blatt Papier ist und sich falten lässt. Sie und ihre Forscher setzen ausserdem, bei den Ameisen abgeschaut, auf die Schwarmintelligenz von einfachen Robotern. Paik will ihren Maschinen eine gewisse Autonomie zugestehen, aber immer müsse der Mensch über ihr Tun entscheiden (www.ethrat.ch/de/node/5108).

Wird künstliche Intelligenz überschätzt? Oder überschätzt sich der Mensch? Und – ist künstliche Intelligenz genderneutral?

 

herzlichst
barbara esther

newsletter abonnieren

Sattsehen

Oktober 2021