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Die Welt gehört mir

September 2022

Es ist Herbst geworden. Der Regen trommelt auf das Dach des Buses. Eine Handvoll Schüler steigt ein und setzt sich auf die Rückbank. Die Buben sind trotz der frühen Stunde aufgeweckt. Im Gegensatz zu mir. Ich lehne mich ins Polster und schaue den herabrinnenden Tropfen am Fenster zu.

Da ertönt eine helle überzeugte Stimme hinter mir: «Die Welt gehört mir.» Das ist eine Ansage an einem der ersten trüben Herbstmorgen auf dem Schulweg. Der Bub ist ein Fünftklässler aus der Nachbarschaft, geht seit kurzem in der Stadt zur Schule. Die Ansage wird diskutiert. Was ist die Welt? Nur die Erde? Oder nur der Boden? Die Erde hat doch mehr Wasser als Boden? Der Bub scheint bodenständig, Erde besitzen, scheint ihm sinnvoller als ein weites Meer voll Wasser. Ich muss aussteigen, werde nie erfahren, weshalb dem Bub die Welt gehört, und ob er sich mit dem Boden begnügt. Aber sein Optimismus hat mich beeindruckt. Ein Kind, für das die Welt noch in Ordnung ist.

Drei Stunden später, ich sitze im Büro, ruft mich eine Frau an. Sie ist 82 und versteht die Welt nicht mehr. Sie erwarte mehr Respekt gegenüber den Alten. All das Neumodische verstehe sie nicht. Sie möchte wieder ein Telefonbuch aus Papier. Und sie habe eine Busse zahlen müssen, weil sie ihren Hund nicht angeleint habe. Der Hund ist ihr letzter Gefährte. Sie findet es beschämend, ein Lebewesen anleinen zu müssen. Die Katze ist vor zwei Wochen gestorben. Sie wartet jetzt auf ihre Urne. Die Welt wird bald untergehen, sagt sie noch. Die Welt, die nicht mehr ihre ist.

Den Mutigen gehört die Welt, haben schon die alten Römer festgestellt. Und Joachim Fuchsberger wird das Zitat nachgesagt: «Altwerden ist nichts für Feiglinge».

 

herzlichst
barbara esther

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Schiffe anbinden

August 2022

Mit dem Auto fahre ich in eine Parklücke, steige aus und gehe davon. Mit dem Schiff ist das anders. Wind, Wellen und Strömung lassen es schaukeln und schwojen. Ich muss es anbinden. Mit zwei bis fünf Tauen und Seemannsknoten. Einen Mastwurf, einen Palsteck und eine Klampe belegen, muss ich können. Eine gute Skipperin kann allein anlegen. Sie muss vorbereitet sein und wissen, was, wo, in welcher Reihenfolge gemacht werden muss. Zu zweit geht es nicht unbedingt besser. Unterstützung vom Land, von einer Bootsnachbarin etwa, hilft.

Auf den Juraseen gibt es jeden Sommer Anschauungsunterricht. Einige nennen es Hafenkino: In der Hafeneinfahrt taucht ein Motorboot auf. In der Regel mit Mann am Steuer und Frau auf dem Vorschiff, wahlweise mit nichts, einem Fender oder einem Tau in der Hand. Der Mann ruft, die Frau versteht nichts. Ist es windstill und am Steg steht die nette Bootsnachbarin, gelingt das Manöver in der Regel früher oder später.

In Estavayer will ein Motorbootfahrer längsseits am Steg anlegen. Beim ersten Versuch wird er abgetrieben. Die Passagiere kümmerts nicht. Schliesslich gelingt es doch, und der Skipper stellt sich mit einem Fuss auf den Steg, mit dem anderen bleibt er auf dem Boot, mit den Händen nestelt er an einem Bündel Tau. Ein Windstoss, eine falsche Bewegung und der Mann ginge im Spagat baden.

Einen Tag später in Chevroux: Mann am Steuer, Frau auf dem Vordeck eines neueren Motorbootes. Der Westwind pfeift, der Motor heult. Mit dem Bug soll das Boot an den Steg, mit dem Heck an die Boje. Die Frau wühlt in den Tauen, der Mann hantiert mit dem Bugstrahlruder. Das Boot überfährt die Boje. Ihre Kette schlingt sich um die Schraube. Der Motor blockiert. Am nächsten Morgen befreit der Hafenwart Boot und Paar.

Hafenkino hat nicht nur Unterhaltungswert. Eine Leine in der Schraube braucht in der Regel einen Taucher, ein sorgloser Matrose, der zwischen Schiff und Steg fällt, eine Ambulanz. Schiffsführung ist lernbar, Rollentausch auch. Vielleicht kann die Frau besser steuern und der Mann auf Stege springen, Taue werfen und Knoten schlingen?

PS: Es ist nicht zufällig, dass die Beispiele Motorboote betreffen. Motorbootfahren wird unterschätzt. Seglerinnen sind anders unterwegs. Nicht nur mit Wind, auch mit dem Wissen, wie Segel setzen, Taue, Fallen und Schoten bedienen.

 

herzlichst
barbara esther

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schneller warten

Juli 2022

Warten ist unangenehm, unerträglich und für ungeduldige Menschen eine besondere Herausforderung. Die Wartende meint, Zeit zu vergeuden, Pause vom Leben zu machen. Es vergeht Zeit, die sie eigentlich schon in der Zukunft verbringen möchte. Es wird ihr gewissermassen die Zukunft geklaut.

Ich bin ungeduldig und ich stehe immer an der Schlange an, an der ich am längsten warten muss. Warten hat mit Zeit zu tun. Zeit ist relativ, das wissen wir spätestens seit Einsteins Relativitätstheorie.  Wie schnell die Zeit vergeht, hängt von der Geschwindigkeit ab, mit der ich mich bewege. Je schneller ich mich bewege, desto langsamer vergeht die Zeit. Das ist Physik, das ist Wissenschaft. Die Relativitätstheorie ist gesicherte Erkenntnis. Das Sprichwort die Zeit vergeht wie im Flug, ist also kompletter Unsinn. Dafür werde ich schneller alt, wenn ich im Bett liege.

Meine eigene Relativitätstheorie geht anders. Meine Realität ist, dass die Zeit im Bett, wie im Flug vergeht, die Zeit im Flugzeug sich ewig hinzieht. Wahrnehmung und Naturgesetz können sich auf dem Radius meiner Welt gegenüberliegen. Naturgesetze kann ich nicht ändern, meine Wahrnehmung eigentlich schon. Wenn die Zeit relativ ist, müssen wird das zu unseren Gunsten nutzen lernen. Zeit, die gefühlt zu schnell vergeht, verlängern, und Zeit, die gefühlt zu langsam vergeht, verkürzen. Wenn ich warten nicht mehr als warten, sondern als geschenkte Zeit empfinde, vergeht sie schneller. Statt warten, Tagträumen, die Sonne aufs Gesicht scheinen lassen, mit dem Warteschlangennachbar flirten. Und umgekehrt, wenn die Zeit rast, Intensität schaffen mit innehalten und geniessen.

Eines nur ist gewiss, die Zeit hat nur eine Richtung, immer vorwärts, ohne Rückkehr, ohne Wiederkehr, nur Zukunft. Uns bleibt, die Gegenwart zu leben. Erinnerungen an die Vergangenheit oder Träumen von der Zukunft helfen beim Relativieren, verkürzen beispielsweise die Zeit beim Warten.

 

herzlichst
barbara esther

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Der Wal

Juni 2022

Es gibt Dinge, die passieren nur den anderen – bis du selbst zu den anderen gehörst. Wir sind in Seenot geraten und haben einen Schutzengel gehabt. Warum wir, und warum hatten wir so viel Glück? Diese Fragen treiben mich um, wollen mir den Schlaf rauben. Das im-Kreis-denken anhalten, die Dinge, die passiert sind, einfach stehen lassen, sagen, es ist, wie es ist. Punkt. – Schwierig.

Vielleicht waren wir nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Um 14.36 Uhr Lokalzeit auf 37°19’41’’N und 025°21’36’’ W. Wir sassen buchstäblich alle im selben Boot, und dies war ein Seenotfall. Unspektakulär, aber stetig lief das Meerwasser ins Boot. Wir taten, was zu tun war. Ruhig und im Vertrauen, dass wir es schaffen. Wasser schöpfen, pumpen, auf 100 zählen, weitermachen. Die Zeit vergeht langsam. Ein Fischerboot taucht auf, begleitet uns, gibt uns Sicherheit, Halt. Dann quert eine Schule lustiger Delfine unser havariertes Boot. Wir schaffen es. Im Hafen dann stehen alle bereit, sind für uns da, helfen. Es ist für alle gesorgt. Das Boot hängt am Kran und tropft.

Wir reden und reden, essen und trinken und reden, immer wieder. Stundenlang. Tagelang.  Wir sitzen im selben Boot. Es gibt Dinge, die sich der Vorstellung entziehen. Ihre Erfahrung aber öffnet Schleusen. Sich den Fragen stellen, ist gut. Begreifen, annehmen, stehen lassen. Die Gedanken aus dem Ruder laufen lassen, ist nicht gut. Was-wäre-wenn-Fragen sind gar nicht gut. Angst steigt auf, wie der Wal aus den Tiefen des Ozeans.

Wir sind mit einem Pottwal zusammengestossen. Wir im selben Boot, zur selben Zeit, am selben Ort, haben am Abgrund gesessen, den Schutzengel geteilt, dieselben Fragen gestellt. Die Sehnsucht nach dem Meer ist geblieben, der Respekt vor der Natur bestätigt. Wir wissen nicht, wie es dem Wal geht, aber wir vergessen ihn nicht – unseren Wal mit dem Pflaster auf der Stirn.

 

herzlichst
barbara esther

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Helden braucht der Mensch

Mai 2022

Jetzt werden wieder Helden geboren. Nicht auf dem Schlachtfeld, in unseren Köpfen. Helden sind all das, was wir nicht sind. Sie sind mutig und tapfer, sie kennen ihren Weg und verteidigen ihr Ziel, um jeden Preis. Sie sind erfolgreich, auch wenn sie dafür sterben. Helden retten die Welt, kämpfen und beschützen. Sie sind schön und stark, sie geben Hoffnung und lassen träumen. Helden wurden und werden aus Kriegen geboren. Dem Unaussprechlichsten, Hässlichsten, Schmerzlichsten wird das Hehre, das Reine, das Gute schlechthin entgegengestellt, um den Krieg auszuhalten, zu überwinden. Dem martialischen Ursprung des Helden entsprechend stehen männliche Attribute im Vordergrund.

Kein Grund, dass es nicht auch Heldinnen gibt. Nur in Zeiten von wiederkehrenden Kriegen besinnt man sich auf das archaische Heldentum. Helden sind auch Vorbilder. Leiden, durchhalten, Ziel erreichen, so fühlt sich der Sportler, die Schülerin, jeder Mensch ein wenig als Held oder Heldin. Das tut gut, gibt Kraft und Zukunft.

Dass gerade jetzt David gegen Goliath wieder einmal zum Helden wird, passt nicht allen. Altfeministin Alice Schwarzer radikalisiert sich eher, denn dass sie altersmilde würde. Sie ist stolz, in der Tradition der feministischen Pazifistinnen zu stehen. Doch kämpferischer Wortfeminismus reicht gegen Altimperialismus nicht. Auch Schwarzers Vorzeigemagazin emma bedient sich aus dem Repertoire des Heldentums. Etwa mit einer Geschichte über eine feministische Heldin. Das war vor einem Jahr, damals war der Krieg noch nicht so nahe, man nahm vom Heldentum nur den Glorienschein.

Manchmal muss man für den Frieden aktiv kämpfen. Helden tun das. Heldinnen auch. Und das ist gut so.

 

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barbara esther

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Erwachen

April 2022

Tage, an denen der Wecker nicht schellt, sind bessere Tage. Jedenfalls beginnen sie besser. Nicht nur, weil es freie Tage, Feiertage, Ferien oder Wochenenden sind. Sie lassen ein bisschen Freiheit und Selbstbestimmung. Kein Programm, kein Protokoll geben das Tempo vor. Ich tauche langsam aus Traumtiefen oder traumlosem Tiefschlaf. Ein Sonnenstrahl, Regentropfen auf dem Dachfenster, ein Vogelruf, das Miau meiner hungrigen Katze – langsam dringt das Leben in mein Bewusstsein. Doch ich bin noch nicht bereit. Wohlig sinke ich nochmal in mich, in die Wärme der weichen Daunen. Fühle mich aufgehoben, beschützt, hänge der Illusion nach, mich der Welt nicht stellen zu müssen.

Die Kälte, der Berg Arbeit, das aufgeschobene Gespräch, gehen mich alle nichts an. Und die schönen Dinge kommen früh genug, die neuen Schuhe, das Nachtessen mit der Freundin, der Ausflug mit dem Boot, lassen mich in Vorfreude suhlen und Tagträumen.

Doch es gibt auch die Morgen, an denen das Bewusstsein wie ein Blitz einschlägt. Nicht umsonst heisst es böses Erwachen. Eine Krankheit, ein Verlust, ein Abschied ohne Wiederkehr – die Realität holt mich ein, noch ehe ich richtig wach bin. Der Aufschub durch kurzen Schlaf vorbei, das heilende Vergessen weggeblasen, das beklemmende Gefühl des Vorabends allgegenwärtig. Bleischwer die Glieder, nass die Augen. Trotzdem – aufstehen, mechanisch zuerst, wie ein Automat, Hauptsache vorwärts. Aber in der Gewissheit, dass andere Tage kommen werden, mit dem unerschütterlichen Vertrauen in die Zukunft ohne das, es keine Zukunft gäbe.

Frühlings Erwachen auch das heisst es nicht umsonst. Zart spriessendes Grün, schüchtern wärmende Sonnenstrahlen, Vogelstimmen und Grillenzirpen. Ein Windhauch flüstert durchs offene Fenster, Zeit zum Aufstehen. Welch ein schöner Weckruf.

herzlichst
barbara esther

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wahrer Luxus

März 2022

Champagner? Man gönnt sich ja sonst nichts. Kaviar? Mag ich nicht. Karibik oder Kapverden? Qual der Wahl, irgendwo muss man die Ferien ja verbringen. Grösser, teurer, angesagter – ist definitiv nicht mein Verständnis von Luxus. Luxus ist nicht die Rolex am Arm, sondern ein überwältigendes Gefühl tief in der Brust. Ich habe es erlebt:

Ich schlage die Augen auf, ich hänge am Tropf, liege unter einer weissen Decke in einem sterilen Zimmer. Ich bekomme kaum Luft, meine Nase ist einbandagiert. Ich warte, schlafe, döse, warte. Die Zeit vergeht oder vergeht nicht. Ich weiss es nicht. Draussen ist es hell, dann ist es dunkel, dann wieder hell. Irgendeinmal öffnet sich die Tür. Es geht mir besser. Jemand steht am Bett, ersetzt den Tropf, misst Fieber, spricht von Frühstück. Später stehen eine Tasse Milchkaffee und ein Weggli vor mir. So ein kleines rundes, mit dem Spalt in der Mitte, wie bei zwei gebräunten Arschbäckchen. Aber das Weggli duftet, ist frisch und luftig. Ich esse ein Stückchen und noch eins. Ich atme mühsam zwischen den Bissen, aber Ich lebe wieder.

Noch heute, Jahre später, ist für mich dieses kleine bisschen Brot der Inbegriff von Luxus. Wenn ich mir etwas Gutes tun will, kaufe ich mir ein Weggli. Um mich an dieses überwältigende Gefühl tief in der Brust zu erinnern.

Übrigens war es keine Schönheitsoperation, auch wenn es um die Nase ging. Und Luxus ist nichts anderes als etwas nicht Alltägliches. Und je schwieriger die Umstände, desto wertvoller ist ein kleines Stückchen Luxus.

herzlichst
barbara esther

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