newsletter

Vollbrand

Februar 2021

«Jeder Mensch sollte etwas haben, wofür er brennt», sagt mir neulich eine Freundin. In der Tretmühle des Alltags hat, die an sich pyromanisch veranlagte, die Zündhölzer verloren. Von Dunkelheit und Kälte umgeben, wächst der Traum vom Feuer. Brennen ist Freude, Begeisterung, Lust. Brennen bewegt die Seele, berührt das Herz, kanalisiert die Sinne. Wer brennt, sehnt, leidet, geniesst. Wer brennt, lebt.

Zur gleichen Zeit sitze ich mit Tunnelblick am Bildschirm, begierig auf das nächste Update. Seit über 90 Tagen bin ich unterwegs, im Atlantik, im Südpolarmeer, im Pazifik. Ich studiere Wetterkarten, Gezeiten, Meeresströme, ich höre die See donnern, den Wind pfeifen, die Herzen klopfen. Die Vendée Globe ist im Gang. Alle vier Jahre starten in Las Sables-d’Olonne, in der Bretagne, ein paar wenige Dutzend Seglerinnen und Segler Einhand um die Welt. Nicht um das Meer, viel mehr, um sich selbst zu bezwingen. Um zwischen Sport und Abenteuer in den unberechenbaren Ozeanen Grenzen zu überwinden und sich selbst zu entdecken. Erlebnisse, die man nicht teilen, nur mitteilen kann. Mitteilungen als Brandbeschleuniger, wenn sie auf verwandtes Feuer treffen. Und plötzlich sehe ich die Wellenkämme schäumen, der Wind macht mich bang, das Schiff stampft. Erinnern, wie Glück sich anfühlt. Nicht, dass ich Einhand um die Welt segeln möchte oder könnte. Was den Teilnehmenden die Vendée Globe, ist mir die Passage von Saint-Malo nach Alderney oder von Sardinien nach Korfu, und auch das nicht allein, sondern mindestens zu viert. Und doch werden die Tränen des Seglers, der nach 90 Tagen wieder Land sieht, zu meinen. Emotionen mitten ins Herz, Vollbrand eben.

Brennen hilft auch in diesen Monaten von vermehrter Heimzeit und Alleinsein. Wer brennt, hat eine Zukunft. Wenn der letzte Segler im Ziel sein wird, und ich darauf warte, dass mein Schiff ablegt, schüre ich meine anderen Feuer, brenne ich für das perfekte Bild, den richtigen Text. Und ich hoffe, dass meine Freundin die Zündhölzer wiedergefunden hat.

Übrigens stehen spezielle Zündholzbriefchen im Angebot meiner Website.

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren        

Kleine Intimitäten

Januar 2021

Wie halten sich Frauen wie ich, die weder Kälte, Schnee noch Skis etwas abgewinnen können, bei Laune? Sie sitzen vor dem Kaminfeuer, Katze auf dem Schoss, ein Glas Rotwein in der Hand und suchen den Sinn des Lebens, sie lümmeln sich auf dem Sofa und schauen zum gefühlt tausendsten Mal «dirty dancing» oder sie liegen unter der Decke und arbeiten die zwei Meter Bücher neben dem Bett ab. Spätestens wenn die Fingernägel, beim Versuch den Reissverschluss der Jeans zu zuziehen, brechen, reichts. Raus aus dem Haus, ausnutzen, was in Zeiten von Corona machbar ist. Fussmarsch in die Stadt, Spaziergang am See, Abstecher in Büro. Die Welt ausserhalb meiner Wohnung existiert noch. Im Büro ist es ruhig, düster und leer. Fast jedenfalls. Am Drucker steht ein unbekanntes Wesen mit Maske. Wir kommen ins Gespräch. Aha, die Neue aus der Nachbarabteilung. Nette Stimme, wie sie wohl aussieht? Dann, ein schneller Blick nach links und rechts, niemand sonst in Sicht, sie nimmt die Maske ab. Ich auch. Wir lächeln uns an, setzen die Masken wieder auf. Sind das unsere neuen Intimitäten? Einst fragte man sich, wie das Sixpack der heimlichen Liebe oder der Busen der neusten Eroberung aussieht. Heute wärmt das Herz ein nacktes Lächeln.

Beschwingt nach diesem kleinen Abenteuer fröne ich wieder dem Bücherlesen. Buchstabe um Buchstaben, Seite um Seite verschwindet hinter meinen Lidern bis sie mir zufallen. Was bleibt, was bewegt, was zerrinnt? Wie geht es den anderen draussen in der Welt hinter ihren Masken? Lesen sie dieselben Bücher, haben sie die gleichen Gedanken? Kann ein Mann über die Liebe einer Frau schreiben? Finden wir es heraus. Anfang Mai, wenn die Gärten wieder blühen und die Sonne wärmt, treffen wir uns. Wir diskutieren, streiten, lachen über Bücher, die wir alle gelesen haben. Wer dabei ist, schickt mir bis Ende Februar einen Buchtitel. Wir wählen dann gemeinsam die zwei Bücher aus, über die wir reden wollen. Ich freue mich.

 

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren        

Requiem für ein Spaghetti

Dezember 2020

Abschied. Voraussehbar, nicht traurig, etwas wehmütig. In 25 langen Jahren von der Gewohnheit zum Ritual. Gewohnheiten betten ein, stabilisieren, geben Sicherheit. Gewohnheiten vereinfachen, beschränken, verhindern. Es gilt das Momentum zu erwischen, auf der Kippe zu schubsen, sich der Leere zu stellen. Gewohnheit als treue Begleiterin, wichtiger Inhalt. Ich bin nicht undankbar, ich bedanke mich mit einem Requiem.

Es war Oktober 1995 als ich allein in meiner kleinen Zweizimmerwohnung im Berner Murifeld festsass und den Ausbruch plante. Seither setzten wir uns jeden zweiten Freitag im Monat um den grossen Stubentisch zum Spaghettiessen. Jede und jeder war eingeladen, durfte mitbringen, wer in die Runde passte. Gruppendynamik als Regulatorin. 25 Jahre, sechs Umzüge, zwei Tische und vier Stuhlgarnituren später sassen wir letztmals zusammen. Noch immer mit Stammgästen und neuen Gesichtern. Meine Freundinnen – nicht immer die Männer an ihrer Seite – überlebten all die Jahre, all die Diskussionen, als die Spaghettisaucen und Rotweinflecken. Wir wurden gemeinsam älter, Menopause statt Musenkuss, Diskushernie statt Discotratsch, Roibuschtee statt Rotweinglas. Wir sprachen über Toleranz und Solidarität und gerieten uns in die Haare. Was mit 30 nach dem Kater verziehen war, geht mit 55 gar nicht mehr, allein schon, weil der Kater fehlt.

Nun hat Corona uns eine Pause aufgezwungen, die gelegen kommt. Schicksal macht Sinn, was man allein nicht schafft, passiert dennoch. Pause, durchatmen, ausruhen, Energien wachsen und Neues entstehen lassen. Liebe Spaghetti, ich esse euch immer noch gern, aber nicht mehr am Freitag und nicht mehr am grossen Tisch. Liebe Freundinnen und andere Gäste, ich mag Euch immer noch, aber nicht mehr am Freitag und nicht mehr am grossen Tisch. Nächstes Jahr wird nicht alles anders, aber alles wird besser passen. Wir werden es für uns passend machen, mit dem Risiko, eine neue Gewohnheit zu initialisieren.

 

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren        

Zeit zu tanzen

November 2020

Wenn der Herbst nicht gar so bunt ist, die Grenzen nicht allzu weit offenstehen und der Nebel die Sicht versperrt, ist es Zeit tanzen zu lernen. Vor Jahren besuchte ich das Chocolate Café im schottischen Oban. Da stand gross an die Wand geschrieben: «Warte nicht bis der Sturm vorüberzieht, lerne im Regen zu tanzen». Der Satz ist mir seither öfter begegnet, wer ihn «erfunden hat», ist nicht ganz klar. Ich sehe vor meinem geistigen Auge dann immer Gene Kelly mit dem Regenschirm und habe sein «singing and dancing in the rain» im Ohr. Meine Stimmung hebt sich, wird leichter, beginnt zu tanzen…

Mitte November hätten «Sabine and friends» (www.sabinesgarten.ch) mit Ihnen in Saanen zusammensitzen wollen, stricken, diskutieren, Kaffee und Prosecco trinken. Ich wollte Ihnen von den schönsten Schafen der Welt erzählen, Sie in die weisse dichte Wolle greifen lassen und meine Bilder, Kalender und Karten verkaufen. Abgesagt – auch das. Wie finden Sie mich nun, wie finde ich Sie? Ich habe deshalb meine Seite www.passiontextundfoto.ch aufgeschaltet, auf welcher nichts abgesagt ist. Hier finden Sie Texte und Bilder zum Chillen, können vom Sofa aus Karten bestellen und darüber brüten, wem Sie wieder einmal schreiben wollten und wem Sie was schon lange mitteilen wollten und davon träumen, dass Sie eine ganz wundervolle Antwort erhalten werden.

Ich melde mich an dieser Stelle nun öfter mit Ideen und Gedanken. Melden Sie sich auch mit Ihren Wünschen und Träumen – ich werde sie nicht erfüllen, aber Netze spinnen für neue Netzwerke und Kreativität potenzieren, das wäre schön.

Apropos tanzen: Ich tanze Tango, schon lange, eher talentfrei, aber mit Freude und neuen Freunden. Es muss nicht tanzen sein, singen möchte ich auch noch lernen, spinnen habe ich dieses Jahr gelernt.

herzlichst        
barbara esther        

newsletter abonnieren