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verpasste Gelegenheit

Mai 2024

Ich fahre nicht oft Zug. Früher war das anders. Ich fuhr jeden Tag aufs Gymnasium. Wir waren zu viert, alle Mädchen. Eine stand immer genau am richtigen Ort, um als erste einzusteigen und uns ein Abteil zu sichern. Dann setzten wir uns hin und jassten oder strickten. Jassen war am längsten Trumpf. Die anderen Passagiere lasen Zeitung oder dösten, oder rauchten, das gab es damals noch.

Heute ist vieles anders, nicht nur, dass es nur noch Nichtraucherwagen gibt. Die Passagiere haben Stöpsel in den Ohren und Smartphones vor der Nase. Ich bin die einzige mit einem Buch. Sogar heute, wo viele Literatinnen oder Bücherleser im Zug sitzen. Ich bin unterwegs an die Literaturtage. Bald sind wir da. Ich reihe mich hinter den Wartenden ein. Im Abteil vor der Tür auf der linken Seite stehen zwei abgenützte Überseekoffer mit Aufklebern. Daneben ein grosser Haufen Kleider. Bei genauerem Hinsehen ist es ein Mensch in einem Haufen Kleider, den Kopf unter einer Kapuze vergraben, ein Bild völliger Erschöpfung. Er muss vom Flughafen kommen, Switzerland in ten days oder so. Sieht nicht nach dem grossen Vergnügen aus.

Auch im Abteil rechts vor der Tür ist jemand nicht ansprechbar. Ein Mann in Sportausrüstung zwängt sich in seinen überdimensionalen Rucksack. Er will der Frau, die gegenübersitzt, etwas sagen. Sie reagiert nicht. Der Mann versucht es wieder. Es ist ihm ein Anliegen. Er wird sich gleich in einen zum Bersten vollen Bus stopfen lassen, um auf den Berg gefahren zu werden, von dem er mit dem Gleitschirm wieder runterfliegt. Der Zug steht still, der Mann ruft der Frau noch im sich Umdrehen etwas zu, steigt dann aus. Ich sehe im Vorübergehen die weissen Stöpsel in den Ohren der Frau. Alles an ihr ist Stöpsel, sie versinkt in ihren Stöpseln.

Ich steige auch aus, laufe am Bus der Gleitschirmflieger vorbei und gehe meinerseits den Dichtenden entgegen. Denkt der Gleitschirmflieger aus dem Zug noch an die Frau, wenn er in der Luft ist? Was, wenn er abstürzte, ohne der Frau gesagt haben zu können, was ihm so drängend schien? Die Frau erführe es nie, wüsste nicht einmal, dass es jemanden gab, der ihr etwas hätte sagen wollen.

Aber vielleicht war alles ganz anders.

herzlichst
barbara esther

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Odysseus auf dem Mond

April 2024

Als wäre Odysseus nicht lange genug unterwegs gewesen, wurde er jetzt auch noch auf den Mond geschickt. Welches Abenteuer ihn dort erwartet, ist nicht bekannt, ob nur der Mann im Mond, eine Göttin oder Zaubererin namens Luna. Was man weiss, ist, dass sein Gefährt umgekippt, was heisst, er bräuchte den Zauber, soll seine Penelope nicht vergebens auf ihn warten. Dass der Mensch jetzt auch den Mond zumüllt, ist uns nicht entgangen.

Odysseus und der Mond sind im Jahr 2024 n. Chr. nicht das einzige Paar, das man sich bisher kaum hätte vorstellen wollen. So haben sich auch Mensch und Schwein, man möchte sagen zum Schweinsch vereint. 69 Genmanipulationen machen es möglich, dass ein Mensch jetzt mit einer Schweineniere lebt. Will man sich vorstellen, dass dereinst ein Pferdeherz oder Affenhirn den Menschen retten wird?

Weitere widersprüchliche Paare? Nur zu: Nach dem Pandemie bedingten Boom des homeoffice, in dem Arbeit und Daheim schon gefährlich zu kollidieren begannen, ist jetzt die Steigerung geboren, die workation. Im Engadin kann man arbeiten und nahtlos in den Ferienfeierabend samt Fondueplausch schlitteln. miaEngiadina machts möglich und kapert erst mal die Nerds, Woken und anderen Trendlinge aus der grossen Stadt. Dieses sogenannte Work-Life-Blending ist das Gegenteil von Work-Life-Balance, Fortsetzung vom Auseinander zum Miteinander, wobei das Miteinander sich hier nur bedingt auf die menschliche Interaktion bezieht. Während der Arbeit Ferien machen oder in den Ferien arbeiten, spart Zeit. Ob das effizient ist? Effektiv sicher nicht.

Sind das nun Absurditäten oder neue Realitäten?  Wenn ich demnächst in schöner Umgebung, fort von daheim, schreibe, werde ich weder arbeiten noch Ferien machen. Ich werde einfach glücklich sein. Vantüraivel, sagt man im Engadin.

herzlichst
barbara esther

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der Tischnachbar

März 2024

Wann waren Sie zum letzten Mal in einem Hotel? Die Tische am Morgen und Abend von Hotelgästen besetzt. Zum Beispiel in der Skisaison. Zum Frühstück Pantoffeln, Trainerhose und Bauch. Wenigstens ist es still, nur die Kaffeemaschine zischt und die Löffel klirren. Müesli wird reingeschaufelt, Eier werden geköpft, Schnitten gestrichen.

Abseits der Schulferien sind vorwiegend Rentner und jüngere Paare ohne Kinder unterwegs. Abends ist es lauter als am Morgen. Bei Wein und Bier werden Erlebnisse getauscht – könnte man meinen. An einem Tisch wird Englisch gesprochen, am nächsten Baseldeutsch, am übernächsten Französisch. Grosse Tischrunden sind lauter, als kleine, nicht etwa, weil es mehr Leute sind, sondern weil man sich in einer Gruppe weniger gut kennt und sich mehr zu sagen hat. Wer lieber schweigt, ist zu zweit. Oft jedenfalls. Vertieft ins Handy, ins Essen oder in Träume von einem anderen Leben.

Ausser an dem Tisch mit dem Baseldeutsch sprechenden Paar, das zwischen dem Tisch mit den Engländern und den Welschen sitzt. Nicht hinhören, geht nicht, jedenfalls, wenn man Baseldeutsch versteht. Der Mann mit seiner Frau in den Winterferien muss viel loswerden. 30 Jahre Frust. Er will künftig keine Kompromisse mehr eingehen. Die Frau ist kaum zu hören. Sie spricht leise, versucht ab und zu etwas einzuwerfen. Wahrscheinlich wäre sie jetzt lieber an einem Tisch, an dem geschwiegen oder in der Gruppe diskutiert und gelacht wird. Ihr Unwohlsein ist bis zu uns, zwei Tische weiter, greifbar zu spüren. Als wir aufstehen und an ihnen vorbeigehen, kämpft sie sich tapfer durchs Dessert, das Gesicht unter einem Lockenkopf grauschwarzer Haare versteckt.

Wir sehen die Beiden nicht mehr. Am nächsten Morgen nicht und auch am Abend nicht. Vielleicht sind sie abgereist. Fast wünschte ich mir, sie sei allein gereist.

herzlichst
barbara esther

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kleine Geheimnisse

Februar 2024

Haben Sie Geheimnisse? Solche, die Sie auch Ihrem Gefährten, Ihrer Gefährtin und Ihrer besten Freundin nicht anvertrauen? Weil sie zu privat, zu peinlich sind, etwas, über das frau oder mann einfach nicht spricht?

Zum Beispiel, dass Sie den ersten Liebesbrief, den Sie in der fünften Klasse bekommen haben, noch immer aufbewahren? Ich habe meinen nicht mehr, wahrscheinlich weil ich ihn lieber nicht von M., sondern von dessen Banknachbar erhalten hätte. Der war nämlich der schönere, strohblond mit blauen Augen und der gescheiteste unter den Buben. Ich habe ihn vor kurzem im Fernsehen gesehen, ganz ohne blond. Er ist schlecht gealtert, hat Bauch und Glatze.

Damit sind wir bei einem weiteren Geheimnis, einem gut gehüteten und sehr verbreiteten.  Fast alle meinen Freundinnen färben sich die Haare.  Das sieht man nach einiger Zeit, wenn die Ansätze grau werden. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Hätte immer lieber strohblondes als honigblondes Haar gehabt – meine Mutter auch, sie betonte immer, sie sei blond, und ich fand sie eher braun – aber eigentlich hatten wir dieselbe Haarfarbe. Aber Haare färben, dafür bin ich zu pragmatisch. Als sich bei mir langsam ein paar helle Fäden ins Honigblond schlichen, dachte ich schon, jetzt werde ich doch noch blond. Ist natürlich grau. Aber vor allem ist es echt.

Die Männer machen es sich einfach. Damit man die Glatze nicht sieht, rasieren sie sich kahl. Ist unheimlich männlich – und solange sie nicht mit einem Bart kompensieren – kann es auch sexy sein. Ist aber eine andere Baustelle.

Die richtigen Baustellen, zu denen komme ich jetzt. Manchmal bin ich ein wenig eitel, gibt ja Gelegenheiten, wo frau noch etwas hergeben möchte. Heute sind nicht mehr Sex, Drugs und Rock ‘n Roll schuld an meinen Augenringen. Meine Falten sind vielleicht darauf zurückzuführen. Aber jede einzelne ist hart verdient oder lustvoll eingegraben. 

Jetzt stehe ich vor der Wahl, will ich, dass man zu mir nur noch nett ist, weil ich eine alte Frau bin, oder ziehe ich mir heimlich ein paar Drugs anderer Art rein, um wieder glatt zu lächeln? Ich frage mich, wenn ich plus minus Gleichaltrige sehe, hatten die nie Sex, Drugs und Rock ‘n Roll oder hüten sie ein kleines Geheimnis?  – Ich hasse Baustellen. Bei mir wissen Sie, woran Sie sind.

herzlichst
barbara esther

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eine gute Wahl

Januar 2024

Das Jahr ist noch jung, aber ich habe schon viel gelernt. Zum Beispiel, dass der Mensch heute täglich so viele Informationen erhält, wie ein Mensch im Mittelalter während seines ganzen Lebens. Das sagt Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk in meinem Sonntagsblatt. Sie macht sich Sorgen, dass die Menschen in diesem Informationschaos die literarische Fiktion nicht mehr verstehen. Frau muss sich das mal vorstellen – und jetzt bekommen Sie von mir für den heutigen Tag auch noch Informationen – was das heisst. Im Mittelalter wurde ein Mensch durchschnittlich 35 Jahre oder 12’779 Tage alt. Bedeutet, dass heute ein 35 Jahre alter Mensch 163’302’841 Informationen erhalten hat. Jetzt nützt mir eine zweite Information, auf die ich dieses Jahr gestossen bin, das Paretoprinzip. Es besagt, dass 80 Prozent aller Dinge mit 20 Prozent aller Energie erledigt werden können. Für die restlichen 20 Prozent braucht es dann 80 Prozent aller Energie. Ziehen wir in Betracht, dass Ferdinand von Schirach, von mir sehr geschätzter Autor und Anwalt, das Paretoprinzip so auslegt, dass 80 Prozent von allem Mist ist, müssen wir uns noch um 20 Prozent oder 32’660’568 Informationen täglich kümmern. Wie viele Informationen ein Mensch täglich aufnehmen kann, konnte mir KI nicht beantworten.

Müssen Sie wissen, was Sie gerade gelesen haben? – Schön, haben Sie trotzdem bis hierher gelesen. Interessant ist ja die Frage, welche Informationen hängen bleiben, und welche nicht bis zu uns durchdringen, oder sofort wieder vergessen gehen. Anders als KI, die masslos Informationen in sich hineinstopft und wieder ausspuckt, wählen unser Hirn und Herz aus. Es bleibt gespeichert, was wir brauchen, und was uns erfreut. Hat es vom Zweiten nicht genug, greifen wir zur Fiktion, sei es zur eigenen oder zur literarischen. Olga Tokarczuk muss sich keine Sorgen machen.

herzlichst
barbara esther

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ein Zeichen

Dezember 2023

Das kennen Sie auch – sofern Sie sich ab und zu eine Schnulze gönnen. Die Sonne durchbricht die Wolken genau in dem Moment, als die verzweifelte Protagonistin sich aus dem Fenster stürzen will. «Ein Zeichen», ruft sie und steigt vom Fensterbrett. In einem anderen Film begegnet sie, kurz bevor sie in eine arrangierte Ehe einwilligen soll, dreimal hintereinander einem ebenso charmanten wie ominösen Fremden. Ein Zeichen auch das, ist sie überzeugt.

Ich kann Ihnen versichern, Zeichen gibt es auch im richtigen Leben. Jemand hat Bilder von dicken Frauen, die dünn geworden sind, in mein Social-Media-Konto geschmuggelt. Ich könnte auch sagen, irgendwer hat mein Konto gehackt. Wer auch immer, das muss ein Zeichen sein. Nicht, dass ich abnehmen soll, das habe ich schon. Es ist ein Zeichen, das mir sagt, dass ich dieses Konto nicht brauche. Machen wir Buchhaltung. Wenn ich in den letzten zehn Jahren zwei Stunden pro Woche auf diesem Social-Media-Kanal herumgelungert bin, sind das über 500 Stunden. Zwei Wochen Ferien, Sonne, Wind und Wellen, kühle Drinks und Lachen mit Freunden, sind 336 Stunden. Oder eine Stunde pro Tag Couchsurfen entspricht zwei Wochen Meersurfen pro Jahr. Noch Fragen? Genau eine: Wie lösche ich dieses Couchsurfkonto am schnellsten?

Wenn ich es herausgefunden habe, sage ich Ihnen ins Gesicht, dass Sie mir gefallen, und brauche den Daumen höchstens noch zum Klingeln an Ihrer Tür. Was nützen mir ein paar hundert virtuelle Freunde, wenn ich mit jemandem reden, lästern, spielen, lachen oder kuscheln will? Ich freue mich auf die wiedergewonnene Zeit, ich werde sie mit Freude und Freunden füllen. Vielleicht auch nur mit Nichtstun oder aus dem Fenster schauen und davon träumen, wo alles ich noch Surfen werde.

herzlichst
barbara esther

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Irrtümer und andere Wünsche

November 2023

«Mein Freund sagt, Du hättest ihm zugezwinkert.» Sie sagte das leicht vorwurfsvoll, vor allem aber erstaunt. Ich staunte auch. Sie war meine Banknachbarin in der Oberstufe, ihr Freund alter österreichischer Adel. Sie hatte ihn vor kurzem kennengelernt. Es war ihr erster Freund. Am Klassenfest stellte sie ihn vor. Ich erinnerte mich kaum. Aber ich blinzle viel. Damals und heute. Ich habe trockene Augen. Auch wenn mir Prinzen vorgestellt werden, für die ich keine Schwäche habe. Jedenfalls heiratete meine ehemalige Banknachbarin den Prinzen. Zehn Jahre und zwei Kinder später war er weg. Vielleicht, weil eine mit einer Schwäche für Prinzen zwinkerte.

Flirten ist ein wunderbares Spiel. Fördert das Selbstbewusstsein, regt die Blutzirkulation an, testet die Schlagfertigkeit. Aber nicht ganz ungefährlich. Früher nicht und heute erst recht nicht. Überhaupt wird heute viel weniger geflirtet. Und das hat nicht nur mit dem zunehmenden Alter oder einer langen Beziehung zu tun. Wohl aber mit #MeToo. Mann verzichtet lieber auf das Spiel mit dem Feuer als sich die Finger zu verbrennen.

Übrig bleibt das Nett sein. Ich meine jetzt nicht die Netten, die immer und überall zu allen gleich nett sind und vor Nettigkeit triefen. Ich ziehe definitiv diejenigen vor, die mir heute sagen, du nervst, und morgen, du bist wunderbar. Mit Ehrlichkeit kann ich umgehen. Bei den Netten rutsch ich an der glatten Oberfläche ab.

Ich meine die echt Netten, die frau einfach mag, die ihr das Gefühl geben, respektiert und ernst genommen zu werden oder gar etwas Besonderes zu sein. Es sind die besten Verkäufer, die geliebtesten Lehrerinnen, die geschätztesten Arbeitskollegen. Ein Lächeln, ein Kompliment, ein freundschaftlicher Schubs in die Seite. Ist der Flirt zurück oder macht er das mit allen so?

Mir kommt der alte österreichische Adel in den Sinn. Ein Irrtum nur, vielleicht hätt er sichs gewünscht. Ein kühner Traum, das Aug bleibt trocken.

herzlichst
barbara esther

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