schreiben oder sprechen?

Es gab einmal eine Zeitschrift, die hiess «schweizer jugend», sie hatte eine Rubrik «wer schreibt mir?» Ich war zwölf und bereits eine leidenschaftliche Schreiberin. Ich pflegte mehrere Brieffreundschaften, und wenn ich keine Schule hatte, wartete ich ungeduldig auf den Briefträger, um dann entweder die mit königsblauer Pelikanfüllertinte vollgeschriebenen Seiten zu verschlingen oder mich enttäuscht in mein Zimmer zurückzuziehen. Im besten Fall dauerte es eine Woche bis ich eine Antwort auf einen Brief erhielt, als eine Freundin nach Italien zog, konnte es Wochen bis Monate dauern. Wollte man etwas abmachen, musste man telefonieren. Ich, die ich nie gerne telefonierte, weiss nicht mehr, wie ich Kontakte hielt. Aber ich erinnere mich an viele schöne Ausflüge an die Aare, die Emme, ans Schwarzwasser oder an fröhliche Partys.

Das änderte sich um die Jahrtausendwende. Nachdem zuerst Computer und E-Mail ins Geschäftsleben Einzug gehalten hatten, drangen sie in Privatleben vor, gefolgt von SMS, Whats App und schliesslich Facebook, Instagram und Co. Nach und nach wurden wir geflutet. Mit Selfies mit oder ohne den neusten Freund, mit Berggipfeln, Schneehaufen oder Katzenvideos. Wenn man sich im Büro traf, oder zum Mittagessen wusste man bereits alles, die sogenannten Freunde vermehrten sich ohne Mehrwert.

Zwei mir nahestehende Menschen schicken Sprachnachrichten. Des Tippens müde, oder weil es schneller geht oder sie mehr sagen können oder die Zeit für ein Telefon dann doch nicht reicht, ich weiss es nicht. Jedenfalls finde ich es schön den vertrauten Stimmen zuzuhören und einen Moment innezuhalten.  Kürzlich wollte ich etwas Wichtiges nicht aufschreiben, sondern mündlich mitteilen, dass wir reden sollten. Die Nachricht wurde nicht abgehört. Tags darauf erhielt ich eine E-Mail, ob ich noch bei Trost sei, während eines Sitzungstages Sprachnachrichten zu versenden. Ich hatte nicht bedacht, dass man nur Textnachrichten nebenbei unter dem Tisch lesen und beantworten kann.

Kürzlich hat mir ein Winzer gesagt, Wein bedeute ihm auch Geselligkeit. Bei einem Glas Wein zusammensitzen und reden. Das würde heutzutage viel zu wenig gemacht. Ich habe noch heute mit zwei Brieffreundinnen von damals Kontakt, selten über social media. Ich werde ihnen eine Einladung zu einem Glas Wein senden – per Briefpost versteht sich.

herzlichst
barbara esther

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