Montagnachmittag hat es Platz in den Zügen. Habe ich gedacht. Es sind Sommerferien. Eine Familie mit zwei Kindern und drei Fahrrädern steigt ein. Eines beladen wie ein Packesel, eines mit einer Sänfte für den Kleinen und ein Kinderrad für die Tochter. Sie essen Nudelsalat aus der Tupperware. Von überall schallen Stimmen zu mir. Kinder reden nicht, sie kreischen, quengeln oder quietschen.
Nach eineinhalb Stunden steigen wir aus und um. Die Väter und Mütter sind gut organisiert, eingespielte Teams. Ich reihe mich unter die Wartenden auf dem nächsten Perron ein. Sie sind zahlreich und beladen. Sprachen und Kleider international. Ich überlege, wie ich mit meiner Riesentasche, dem Rucksack und der Provianttasche möglichst rasch in der Nähe der Tür einen Platz ergattere. Ich habe Glück, das erste Abteil seeseitig ist leer. Ein alter Mann mit Rucksack, fragt ob noch Platz sei, quetscht seine Beine zwischen Sitz und meine Reisetasche. Er war bei der Tochter seiner Tochter, die gerade die Matura gemacht hat. Seiner Frau sei die Reise zu viel gewesen, deshalb sei er allein unterwegs. Er wird es mir später noch einmal erzählen. Es ist tüppig. Der Zug ist voll, mit Menschen, mit Gepäck, mit Emotionen. Zwei Zugbegleiter kontrollieren die Billette. Hinter mir hat ein Passagier nur ein Upgrade für die erste Klasse gelöst, aber kein Billette. Wir sitzen in der zweiten Klasse. Der Zugbegleiter erklärt dem Mann auf Englisch, er müsse ein Formular ausfüllen. Mit Heimadresse. Und Postleitzahl. Der Passagier kommt aus Budapest. Er wird eine Rechnung nach Hause bekommen, für das Ticket, vielleicht auch eine Busse? Zwei Abteile weiter wird es laut. Eine Gruppe Reisender, die kein Deutsch spricht, hat kein Billette. Beide Zugbegleiter reden auf sie ein. Eine Frau, die nicht zur Gruppe gehört redet hoch und laut und deutsch dazwischen. Ein Zugbegleiter erklärt, dass man in der Schweiz ein Billette brauche, um Zug zu fahren. Jetzt hört der ganze Zug zu. Mein Gegenüber will etwas sagen. Ich mag jetzt nicht über Ausländer reden. Schweiss löst sich zwischen meinen Brüsten. Das Stimmengewirr wird zu Stimmengewitter. «Es ist nicht hilfreich, wenn sie sich einmischen», sagt der eine Zugbegleiter zur lauten Frau. Dann plötzlich, «wir machen nur unsere Arbeit. Auf Wiedersehen, schönen Tag noch.» Sie sind weg. Es wird nicht ruhig. Die laute Frau erklärt, sie habe nur helfen wollen. Schlimm sei das, so etwas in der Schweiz, unmenschlich. Ich fühle mehr als ich es höre, wie ringsum genickt wird. Ich muss raus, sofort, verlasse mit all meinen Taschen das Abteil und stelle mich vor die Ausstiegstür.
Ich bin versucht mir für das letzte Reisestück ein Upgrade in die erste Klasse zu kaufen. Ich bleibe in der zweiten. Wieder Menschen, Koffer, Becher, Tupperware. Ich drücke mich mit meinen Taschen in ein Abteil nahe der Tür. Im letzten Moment steigt eine Frau mit ihrer Tochter ein. Beide haben einen grossen Koffer auf vier Rädern und einen Rucksack dabei. Das Kind, vielleicht elf Jahre alt redet in einer fremden Sprache auf Mutter ein. Es stampft, hat Weinkrämpfe, oder langweilt sich, will Aufmerksamkeit. Die Mutter ist stoisch. Plötzlich das Kind auf Französisch, «es tut mir leid, es tut mir leid, geh nicht fort.» Sein Rucksack ist voller Süssigkeiten. Die Mutter isst aus einer Tupperware, die nackten Füsse auf dem Polster. Fragen treiben mich um, Antworten habe ich keine.
Als ich aussteige, steigen die beiden auch aus. Die Familie mit den drei Fahrrädern ist wieder da. Es sind Sommerferien, das Thermometer am Bahnhof zeigt 38 Grad. Die Reise dauerte vier Stunden und drei Minuten.
herzlichst
barbara esther
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